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Was bedeutet Intensivpflege während der Pandemie?

Sandra Haubner

Sandra Haubner, Alumni des Instituts für Pflegewissenschaft, berichtete in "Das Magazin" über ihre Erfahrungen auf der Covid-19-lntensivpflegestation.

"Erdrückende Hilflosigkeit"

Sandra Haubner, 44, Intensivpflegerin im Stadtspital Triemli, war eine Heldin der Krise. 

Die Arbeit begann um sieben Uhr morgens. Dass ich vor der Zwölfstundenschicht frühstücken und genug trinken musste, das hatte ich rasch gelernt. Auf dem Weg zur Covid-lntensivpflegestation (IPS) noch schnell aufs WC. Die Schutzkleidung hing im Ein­schleusbereich: FFP2-Maske, Haube, Schutzbrille, Kittel. Brille auf Brille - daran muss man sich erst mal gewöhnen. Die Brillen befestigten wir mit Pflaster an der Schutzhaube, weil sie sonst runterrutschten. Und damit sie nicht rumflatterten, klebten wir uns die Kit­tel gegenseitig am Rücken fest. Weil wir so viel neues und auch fremdes Personal hatten, schrieben wir unsere Namen auf Masken und Schutzkittel. 

Die Kollegin vom Nachtdienst sah fix und fertig aus. Wir redeten nur kurz. Ich hatte ihr die Patientin zwölf Stunden zuvor übergeben. Der unkomplizierte Rapport war einer der wenigen Vorteile des Zwei­schichtenbetriebs. Ich begann meine Antrittskontrolle, indem ich die Patientin begrüsste. Ich berührte sie an den Schul­tern: «Guten Morgen, Frau L. Mein Name ist Sandra Haubner, ich darf Sie heute tagsüber betreuen.» Frau L., 70, reagierte nicht. Sie war intubiert, wurde beatmet. Normalerweise brauchen die Patien­ten dazu ein Schlaf- und Schmerzmittel. Wir versu­chen dann, eine gute Balance zu finden, damit sie trotz der invasiven Massnahmen keinen Stress haben und so viel wie möglich selber atmen und auch ihre Umgebung wahrnehmen können. Bei Frau L. lief nur ein wenig potentes Schmerzmittel. Dennoch zeigte sie keine Reaktion. Auch das ist speziell bei der Infek­tion mit Covid: Die Patienten werden langsamer wach und sind verwirrter als andere IPS-Patienten. Ich überprüfte die Pupillen und beobachtete all­fällige Reaktionen der Patientin. Ich beurteilte die Haut, hörte den Bauch und die Lunge ab. Auf beiden Seiten der Lunge war Sekret hör- und spürbar. Weil die Patientin nicht selber husten konnte, versuchte ich, das Sekret abzusaugen. Auch dabei zeigte sie kei­ne Reaktion. 

Bis um acht Uhr musste ich die Medikamente vorbereiten lassen: Antibiotika, Blutverdünner, Vita­mine. Das Noradrenalin war bald leer. Dieses kreis­laufpotente Medikament muss, wie viele andere, kontinuierlich über eine programmierte Infusions­pumpe verabreicht werden, damit es nicht zu Blut­druckschwankungen kommt. Bei Frau L. lief es hochdosiert. Meine Antrittskontrolle führte mich abschliessend einmal ums Bett herum: Der Einweg­beatmungsbeutel war am Sauerstoff angeschlossen, die Notfallmedikamente waren frisch aufgezogen und die Alarme am Monitor und an der Beatmungs­maschine so eingestellt, dass ich auch akustisch auf Abweichungen aufmerksam wurde. 

«Kann mal bitte jemand schnell kommen?», tönte es von Bett 9. Mein Kollege von der Anasthesie hielt die Hand von Herrn B. Der Patient bäumte sich auf, war extrem unruhig. Er kaute und biss auf den Tubus. «Herr B, hören Sie uns? Sie sind auf der Intensivsta­tion im Triemli. Es ist Samstag, der 4. April, um acht Uhr morgens. Sie sind noch beatmet und können nicht sprechen. Wenn Sie uns hören und uns folgen können, werden wir später den Beatmungsschlauch aus der Lunge entfernen.» Es ging nicht, wir mussten die Schlafmittel wieder höher dosieren. 

Beim kurzen Teamaustausch um neun Uhr sahen wir endlich, wer alles auf der Schicht arbeitete. Wir be­grüssten uns über die gelbe Linie am Boden, die «In­fektiös» von «Nicht infektiös» trennte. Die Schicht­leitung rapportierte das grob geplante Prozedere: «Bett 1 geht es so weit gut; nichts Besonderes geplant. Bett 2 ist kreislaufmässig und pulmonal sehr instabil. Dort wird nochmals eine Lungenuntersuchung ge­macht. Bett 3 wird extubiert. Bett 4 ist weiterhin in Bauchlage; für die Umlagerung brauchen wir auf­grund ihres Gewichts mindestens fünf Personen.» Und so weiter. Jeder berichtete kurz über Probleme und Therapie- und Pflegeschwerpunkte. 

Vor meiner Pause rief ich den Sohn meiner Pa­tientin an. Er war besorgt. Ich berichtete ihm, dass seine Mutter noch viel Sauerstoff brauche, die Nacht aber ruhig gewesen sei. Dann: Ab an die Sonne, viel trinken! 

Um halb zehn Uhr gingen meine zwei Kollegen in die Pause. Ich musste nun drei Patienten hüten. Einer sass entspannt im Lehnstuhl. Herr B. war weiterhin unruhig, presste immer wieder gegen die Beatmungs­maschine und griff in Richtung Tubus. 

Später konnte ich mit der Pflege von Frau L. be­ginnen. Sie lag seit sieben Uhr steil, fast im 90-Grad­-Winkel, auf der Seite. Ich konnte sie allein und lang­sam auf den Rücken zurückdrehen. Ich erfrischte ihr Gesicht, wusch Augen und Nase, saugte Speichel aus dem Rachen, putzte die Zähne und entfernte die rest­liche Zahnpaste. Mit einer Taschenlampe inspizierte ich die Mundschleimhaut. Die Zunge war sehr ge­schwollen. Ich erkannte offene Zahnabdrücke. Nor­malerweise schieben wir den Tubus vorbeugend zweimal täglich in den gegenüberliegenden Mundwinkel. Wegen der Geschwulst war das bei Frau L. eine wahre Herausforderung. Ich glaubte es fast nicht, aber am Schluss brauchte ich für diese Stan­dardprozedur sicherheitshalber die Unterstützung des Kollegen aus der Anasthesie. Meine Brille lief an, ich sah kaum, was ich tat. 

Ich dachte an die Berichte aus den Nachbarlän­dern, dass man dort die Produktion von Beatmungs­maschinen erhöhte. Als ob damit das Covid-Problem gelöst ware. Die Gesellschaft scheint ein sehr verzerr­tes Bild von beatmeten Menschen und von der Inten­sivmedizin zu haben. Als ob man jemanden einfach an die Maschine anschliesst und der Kranke sich dann wie ein Luftballon beatmen lasst. Ich bin er­staunt, wie wenig man über unseren Beruf und unse­re Tätigkeit weiss. 

Um halb elf Uhr war Visite. Pulmonal schien die Situation bei Frau L. zu stagnieren. Ich hatte sie mit 35 Prozent Sauerstoff übernommen, jetzt war ich bei 55 Prozent. Uns fiel auf, dass das Atemzugvolumen zwischen 450 und 240 Milliliter variierte. Die Oberärz­tin entschied, die Lungenbläschen mit einem tech­nischen Manöver der Beatmungsmaschine etwas zu öffnen. Dazu mussten wir die Patientin aber tiefer sedieren, damit sie sich entspannte. Wir diskutierten, ob wir erneut eine Bauchlage versuchen sollten. Frau L. war schon einmal auf den Bauch gelegt worden, aber ohne den erhofften Effekt. Wir entschieden uns für einen erneuten Versuch und planten diesen für 13 Uhr. Die Bauchlage ist ein aufwendiger und kom­plexer Prozess. Es braucht viel Personal.

Um 13 Uhr standen alle bereit: eine Ärztin, die Physiotherapeutin, eine weitere Pflegefachperson. Auch der Lagerungspfleger fand Zeit mitzuhelfen. Wir wollten die Patientin vom Rücken über die linke Seite auf den Bauch drehen. Dazu musste der Tubus im rechten Mundwinkel liegen. Die EKG-Kabel mussten vom Bauch auf den Rücken geklebt werden. Der arterielle Katheter musste verlängert werden. Der linke Arm wurde sorgfaltig mit der Handfläche zum Körper so weit wie möglich unter die Patientin gelegt. Dann gings los. Frau L. wurde sediert. Die Ärztin koordinierte, sie führte und drehte den Kopf der Pa­tientin, sicherte den Tubus und gab die Kommandos. Mit dem bereits eingebetteten grossen Frottiertuch drehten wir die Patientin auf die linke Seite. «Wie ist der Blutdruck?» Alle blickten auf den Monitor. «Bleibt der Kreislauf stabil? Sind alle Kabel gesichert, oder zieht es irgendwo? Wie atmet sie?» Alles war gut, wir konnten weiterdrehen. Aber nun presste die Patientin. Es gingen nur noch kleine Atemzugvolu­men in ihre Lunge. Die Beatmungsmaschine piepste. Drei Infusionspumpen gaben gleichzeitig Alarm. Der zentrale Venenkatheter war kurz abgeknickt worden. Die Maschinen merken das natürlich sofort. Mit ein paar Klicks und Griffen hatten wir alles wieder im Griff. Es löste sich noch einmal Schleim, obwohl wir vorher gut abgesaugt hatten. Wir mussten Frau L. er­neut vom Sekret befreien. Wegen des Pressens brach der Blutdruck ein. Wir mussten wieder Noradrenalin spritzen, tiefer sedieren und weiter absaugen. Nach dem Drehen mussten wir auf die korrekte Lage der Patientin achten: War das Ohr, auf dem sie lag, abgeknickt? Lag der Kopf entspannt? Waren die Gelenke locker? Lag die Patienten auf einem Kabel oder einer Bettfalte? Wie lag die Hüfte? Alles wurde penibel kontrolliert und mit unserer Physiotherapeu­tin und den Lagerungspflegern korrigiert. Frau L. musste nun mindestens sechzehn Stunden auf dem Bauch liegen bleiben, damit sie von dieser Therapie profitierte.

Halb drei Uhr nachmittags: Mittagspause in der Sonne mit eineinhalb Litern Wasser. Die Zeit raste. Um vier Uhr scheiterte ein weiterer Aufweckversuch beim Patienten meines Kollegen. Wir nahmen uns einen weiteren Versuch für den nächsten Tag vor.

Um sechs Uhr abends berechneten wir die Flüs­sigkeitsbilanz der Patientinnen und Patienten. Wir zählten alle Infusionen und Flüssigkeiten, die in zwölf Stunden verabreicht, und alle, die ausgeschie­den worden waren, vorab Urin und Magensaft. Die Bilanz von Frau L. war ausgeglichen, es brauchte kei­ne korrigierende Massnahme.

Um halb sieben Uhr meldete ich mich noch ein­mal beim Sohn von Frau L. Weil sich der Zustand der Covid-Patienten sehr schnell veränderte und Be­suchsverbot herrschte, war es nachvollziehbar, dass die Angehörigen häufig informiert werden wollten. Nach dem Sohn kam auch die Tochter ans Tele­fon: «Ich habe meine Mutter schon seit sieben Tagen nicht gesehen. Gibt es denn gar keine Möglichkeit, wie wir mit ihr in Kontakt treten können?» Die Hilf­losigkeit war erdrückend. Ein Videotelefonat wollte ich noch nicht anbieten - der Anblick einer nicht an­sprechbaren und intubierten Mutter kann sehr starke Gefühle auslösen, und wir konnten die Angehörigen am anderen Ende der Leitung nicht adäquat unter­stützen. Aber ich hielt der schlafenden Mutter das Telefon ans Ohr, denn wir gehen davon aus, dass die Kranken auch im sedierten oder komatösen Zustand etwas wahrnehmen können: «Hallo, Mama ... Wir sind jede Minute bei dir und denken ganz fest an dich.» 

(erschienen in "Das Magazin" Nr. 23, 2020)