INTERCARE

Projektname
Nurse-led models of care in Swiss nursing homes: improving INTERprofessional CARE for better resident outcomes.

Subprojekte (PhD)
Development and evaluation of a Swiss nurse-led interprofessional care model for the Swiss nursing homes (Kornelia Basinska)
Level of adoption and effect of a nurse-led interprofessional model of care on unplanned hospitalisations from nursing homes (Raphaëlle Ashley Guerbaai)

Projektleitung
Michael Simon
Franziska Zúñiga

INS-Projektteam
Kornelia Basinska
Sabina De Geest
Raphaëlle Ashley Guerbaai
Dunja Nicca
Michael Simon
Franziska Zúñiga

Externe Projektpartner
Universitäre Altersmedizin und Rehabilitation, Felix Platter-Spital, Basel (Reto W. Kressig)| Universitären Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel (Andy Zeller) | CHUV Lausanne (Natalie Wellens) | Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana - SUPSI (Carlo De Pietro) | Hôpital ophtalmique Jules-Gonin (HOJG), Fondation Asile des aveugles (FAA), Lausanne (Mario Desmedt) | Serdaly & Ankers (Christine Serdaly)

Laufzeit
2017 bis 2021

Projektbeschreibung
Hintergrund
Die zunehmende Komplexität der medizinischen Versorgung in Pflegeheimen und die fehlende Pflegekoordination zwischen den verschiedenen Leistungserbringern gefährden die Pflegequalität in Pflegeheimen. Ein besonders beunruhigendes Problem sind vermeidbare Spitaleinweisungen, die mit potenziell negativen klinischen und psychosozialen Ergebnissen für die Bewohnenden verbunden sind, sowie mit höheren Kosten. Hospitalisierungen bei älteren Menschen können zu einer höheren Mortalität, Funktionseinschränkungen, Delir und Stürzen führen. Zwischen 19 Prozent und 67 Prozent der Spitaleinweisungen aus Pflegeinstitutionen werden als vermeidbar eingestuft. Als Ursachen gelten z. B. fehlende Fähigkeiten der Pflegemitarbeitenden zur frühzeitigen Erkennung von Verschlechterungen bei chronischen Erkrankungen, eine fehlende vorausschauende Planung mit Bewohner/innen und Familien rund um das Lebensende, sowie der fehlende Zugang zu ärztlichen Dienstleistungen (Hausarzt / Geriater) und das Umsetzen von ersten diagnostischen Massnahmen in Notfallsituationen.

Eine Antwort auf die beschriebenen Herausforderungen sind neue Versorgungsmodelle, wie sie bereits in verschiedenen Ländern entwickelt wurden. Schlüsselelemente von diesen Modellen sind interprofessionelle Gesundheitsteams mit einem Skillmix, der erlaubt, die spezifischen Gesundheitsbedürfnisse von älteren Menschen zu decken, die Koordination von Übergängen an den Schnittstellen zu verbessern, das Pflege- und Betreuungspersonal in Pflegeinstitutionen in ihrer klinischen Expertise zu befähigen, und die Pflegeentwicklung zu unterstützen. Solche Teams werden oft von Advanced Practice Nurses (APNs) geführt, also Pflegenden mit einer vertieften klinischen Ausbildung nach dem Masterstudium, die es ihnen ermöglicht komplexe Gesundheitsbedürfnisse zu adressieren. Solche pflegegeleiteten Versorgungsmodelle wurden bereits in anderen Ländern in der Langzeitpflege mit Erfolg implementiert und führen zu besserer Pflegequalität (besseres Schmerzmanagement, weniger Dekubitus, Stürze, Hospitalisierungen, usw.), sowie besserer Bewohnergesundheit und -zufriedenheit.

Bisher ist wenig bekannt zum Einsatz von APNs in Schweizer Pflegeinstitutionen. Die Ausbildung zur APN wird in der Schweiz erst seit Kurzem angeboten, und viele der Rollen befinden sich noch im Aufbau. Verschiedene Barrieren können die Einführung dieser neuen Rollen behindern, wie z. B. mangelndes Verständnis im Betrieb oder unklare Rollen und Kompetenzen. Ebenso ist offen, ob nicht geriatrische Expert/innen mit unterschiedlichem Qualifikationshintergrund eine klinische Führungsrolle übernehmen könnten. Dementsprechend ist es wichtig, vor der breiten Implementierung sorgfältig den Kontext, die Rolle, Aufgaben, Kompetenzen, Ziele und erwartete Wirkungen mit Stakeholdern zu klären.

Zielsetzung
Das Ziel des Projektes ist es, ein pflegegeleitetes Versorgungsmodell zur Betreuung und Pflege von multimorbiden Bewohner/innen von Alters- und Pflegeinstitutionen in komplexen Versorgungssituationen zu entwickeln und im Hinblick auf vermeidbare Hospitalisierungen zu überprüfen. 

Design/Methode
Das Projekt besteht aus zwei Phasen, die sich über 4 Jahre erstrecken (2017-2021):

Phase A: Entwicklung eines neuen, evidenzbasierten Versorgungsmodells für den Schweizer Kontext (2017-2018)
Dazu werden in einem ersten Schritt bestehende Modelle beschrieben mit Hilfe einer internationalen Literaturübersicht und der Analyse von in der deutschen, französischen und italienischen Schweiz sowie in Holland und den USA bereits umgesetzten Modellen. Als Grundlage dient das PEPPA Framework, ein partizipativer, evidenzbasierter und patientenzentrierter Prozess zur APN-Rollenentwicklung. Zusammen mit Stakeholdern aus Pflegeinstitutionen, Heimverbänden, Berufsverbänden, APN-Vertretungen, Berufsausbildung, Politik, Versicherung und Patientenvertretungen wird ein Modell im Schweizer Kontext entwickelt. Hierfür werden einerseits grundlegende Kernelemente des Modells definiert und andererseits variable Elemente beschrieben, die dem lokalen Kontext situativ angepasst werden können. Dabei kann ein variables Element das Qualifikationsniveau der geriatrischen Expert/innen sein. Abschliessend werden Workshops mit Bewohnenden und deren Angehörigen durchgeführt mit der Storytelling Methode. Das Ziel der Workshops ist es, die Erfahrungen von Bewohnenden und deren Angehörigen mit der Handhabung von akuten gesundheitlichen Situation im Pflegeheim zu beschreiben.

Phase B: Implementierung und Evaluation des neuen, pflegegeleiteten Versorgungsmodells im Rahmen eines Pilotprojektes (2018-2021)
Das neu entwickelte Versorgungsmodell wird in 12 Pflegeinstitutionen in der deutschen und französischen Schweiz pilotiert und evaluiert. Als Grundlage dient in dieser Phase das Consolidated Framework For Implementation Research (CFIR), das ein strukturiertes Vorgehen bei der Implementierung und Evaluation von Neuerungen bietet und das PEPPA+ Framework für die Evaluation der APN Rollen. Für den Pilot von 18 Monaten Dauer wird ein non-randomised stepped-wedge Design gewählt, das erlaubt, dass jedes Heim zunächst als Kontrolle und dann als Interventionsbetrieb dient. Evaluationsdaten werden sowohl durch schriftliche Befragungen und Interviews, wie auch aus gezielt erhobenen Outcomedaten sowie Routinedaten wie das RAI-MDS erhoben. Dabei werden das Führungspersonal der Pflegeinstitutionen, das Pflege- und Betreuungspersonal, Bewohner/innen und Angehörige, Ärzt/innen sowie die geriatrischen Pflegeexpert/innen selber zum neuen Versorgungsmodell befragt. Neben klinischen Outcomes, werden auch Service- und Implementierungsoutcomes erfasst. Zu den ersten gehören vermeidbare Hospitalisierungen, die vier neuen nationalen Qualitätsindikatoren Schmerz, Gewichtsverlust, Polypharmazie und bewegungseinschränkende Massnahmen, sowie die Zufriedenheit von Bewohner/innen und Angehörigen mit z. B. der Pflegequalität oder dem Informationsfluss. Bezüglich des Serviceoutcomes werden Bewohner/innen, Angehörige und Personal zur Wirksamkeit, Effektivität, Patientenzentriertheit und Rechtzeitigkeit des neuen Modells befragt. Zu den Implementierungsoutcomes zählen unter anderem die Überprüfung von Akzeptanz, Umsetzungsgrad, Umsetzbarkeit, Nachhaltigkeit und Kosten des neuen Versorgungsmodells.

Erwarteter Nutzen / Relevanz
Die Studie wird erste evidenzbasierte Aussagen zum Einsatz von hochqualifiziertem Pflegepersonal in interprofessionellen Teams in Schweizer Pflegeinstitutionen erlauben. Es adressiert damit den mangelnden Zugang zu geriatrischer Expertise in Schweizer Pflegeinstitutionen und entwickelt nachhaltige Lösungsmöglichkeiten. Die Studie wird drei öffentlich zugängliche Berichte in drei Landesssprachen erstellen: 1) Beispiele von Versorgungsmodellen, 2) Beschreibung eines auf die Schweiz angepassten pflegegeleiteten Versorgungsmodells mit Kern- und variablen Elementen sowie einer Implementierungscheckliste, und 3) Evaluationsbericht aus der Pilotstudie. Diese Berichte werden Stakeholdern aus Alters- und Pflegeinstitutionen sowie der Politik das Rüstzeug für eine weitere Ausdehnung des Modells geben.